Kreisverband Wuppertal

pikettyscreenshot: Thomas Piketty im InterviewThomas Piketty, einer der aktuell wichtigsten Wirtschafts-Wissenschaftler: "Wir brauchen neue Entscheidungskriterien der Wirtschaftsführung".

Was man in der Geschichte sieht, dass nach Finanzkrisen alles von der politischen Reaktion abhängt und den Zielen, die man verfolgt.

Nach dem Traumata beider Weltkriege und insbesondere der Dreißiger Jahre entwickelte sich ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit Sozialversicherungen, progressiver Besteuerung, neuem Arbeitsrecht und gewerkschaftlichen Rechten, in manchen Ländern sogar Beteiligung an der Verwaltung der Unternehmen (Mitbestimmung). Das war nicht nur eine Folge der Kriege oder externer Schocks, die große soziale Ungleichheit herbeigeführt haben. Sie wurden vielmehr vorbereitet durch eine geistige Transformation, eine Mobilisierung des Wissens im Rahmen eines Programms des Wandels, das sich seit dem 19. Jahrhundert angekündigt hatte. Die Schocks drängten auf eine andere Gesellschaft.

Heute ist dieses Programm der geistigen Erneuerung, wir sprachen über Sanders, wieder spürbar. Aber es ist weit weniger als Ende des 19. Jahrhundert, Anfang des 20. Jahrhunderts, eine machtvolle gewerkschaftliche und soziale Bewegung gab, die das Terrain für eine andere Welt bereitet.

Heute geschieht etwas sehr erstaunliches. Da steht die Ökonomie quasi still, wo man noch vor wenigen Monaten jenen, die darauf hinwiesen, dass die CO2-Emmissionen weit über den Grenzwerten des Pariser Klimaabkommens liegen, entgegenhielt: „Aber die Wirtschaft wird das nicht aushalten können“. Heute in der Gesundheitskrise ist man bereit alles anzuhalten. Gut. Aber das zeigt, wie sehr man hinterherhängt bei der Beurteilung der Umweltrisiken, der sozialen Risiken. Man hat, um die gesundheitlichen Risiken einzugrenzen, Prozeduren eingerichtet, um die Alarmglocken rechtzeitig zu läuten und nach Möglichkeit alle vor diesen Risiken zu schützen. Das mag vielleicht manchmal übertrieben erscheinen aber ist augenscheinlich gerechtfertigt. Das ist das, was wir bei anderen Risiken auch brauchen. Gesundheits- wie Umweltprobleme sind Risiken über einen langen Zeitraum und von erheblichem Gewicht.  

Da gibt es mit der jungen Generation einen Motor der Veränderung, die sich mehr und mehr bewusst wird, dass die Notwendigkeit besteht, das Wirtschaftssystem zu ändern. Aber es reicht nicht zu sagen, man muss das Wirtschaftssystem ändern. Sondern man muss beschreiben, welches andere Wirtschaften, welche andere Organisation des Eigentums, der Macht im Unternehmen, welche anderen Entscheidungskriterien es braucht, um die Orientierung auf die Maximierung des Bruttoinlandsprodukts zu ersetzen durch andere, die man noch versucht zu entwickeln. Und die auch die Schäden in Rechnung stellen, die Verteilung der CO2-Kontingente im globalen Maßstab, die Ungleichheit, die durch die Erderwärmung entsteht – darauf wird man in den kommenden Jahren den Akzent legen müssen.“

Veröffentlicht von der Wochenzeitschrift Nouvel Observateur am 14. März 2020

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.