Kreisverband Wuppertal

Karneval steht vor der Tür

Wuppertal ist zwar keine Karnevalshochburg, aber auch hier sind eine Menge KarnevalsliebhaberInnen zu finden. Ich für meinen Teil zähle mich nicht mehr dazu, sagt Meieli Borowsky, Mitglied der LINKEN und der Jugendorganisation solid.

Als Kind war das anders, zu meinen Lieblingsverkleidungen gehörten Prinzessinnen-, Tier- Kostüme und Harry Potter. Ich weiß gar nicht mehr genau, warum ich eines Tages aufhörte, mich für die fünfte Jahreszeit zu interessieren.

IMG 20210211 WA0002Foto: Meieli BorowskyRückblickend kann ich nur sagen, dass ich mich damals schon mit einigen Verkleidungen schwergetan habe. Oft wurde mir nahegelegt, dass ein „Indianerinnen Kostüm“ total zu mir passen würde. Offensichtlich war dieser Gedanke meiner Hautfarbe geschuldet. Ich fand nie, dass die Fremdzuschreibung „Native American“ egal, ob im Karnevalskontext oder nicht, zu mir passe. Damals konnte ich das zwar nicht beim Namen nennen, aber ich konnte mich gegen eine solche Kostümierung entscheiden.

Heute weiß ich, was mich schon als Kind daran störte. Der Vergleich mit der Häuptlingstochter Pocahontas, aus dem gleichnamigen Disneyfilm, kam auch immer wieder außerhalb des Karnevalskontextes auf und gefiel mir nie. Meine Abneigung ging sogar soweit, dass ich meiner Pocahontas Barbiepuppe das Haar abschnitt und nicht mehr mit ihr spielte.

Inzwischen habe ich ein positives Verhältnis zu dem Disneyfilm. Das liegt unter anderem daran, dass ich mittlerweile selbst über meine Haarlänge entscheide und dass ich meine geschichtliche Wissenslücke zum Thema Kolonialisierung aufgearbeitet habe. Hätte ich mich jedoch damals für eine Native American „Verkleidung“ entschieden, dann hätte ich den Vergleich mit Pocahontas legitimiert. Das wollte ich nicht, weil ich keinen Bezug zu der Geschichte hatte. Hinzu kommt, dass man sich als Kind einfach nur zugehörig fühlen und nicht als „anders“ oder „fremd“ wahrgenommen werden möchte. 

Gegenwärtig sehe ich auch noch einen weiteren kritischen Aspekt; die vorübergehende Aneignung einer fremden Kultur. Eine Kultur, eine Hautfarbe oder eine Ethnie sollten keine Verkleidungen darstellen. Denn sie stellen für andere eine Lebensrealität dar. Eine Lebensrealität, die immer noch geprägt ist, von der Unterdrückung durch das weiße Patriarchat.

Ist man also selbst NICHT von rassistischer Diskriminierung betroffen, dann sollte man davon absehen darüber zu urteilen, ob eine Afroperücke, Blackfacing oder eine Native American „Verkleidung“ etc. für manche Menschen diskriminierend und verletzend sein können. Empathisch sein und die eigenen Privilegien und Einstellungen mal hintenanzustellen, sollten wir alle viel mehr beherzigen. Außerdem trägt man immer auch ein Stück Verantwortung, wenn man sich etwas aneignet. Verantwortung für den historischen Kontext und gegenüber, den Menschen, die ihre Lebensrealität nicht ablegen können. 

Respekt und Anerkennung kann man auch anders zollen, dafür sind die Festivitäten des Karnevals, meiner Meinung nach, nicht die richtige Bühne. Denn die eigentlich wichtige Frage, die wir uns stellen sollten, die aber durch übermäßigen Alkoholkonsum eventuell in Vergessenheit geraten kann, ist Folgende:

„Worauf zielt Karneval denn eigentlich ab?“ Historisch gesehen zielte Karneval zu allen Zeiten darauf ab, Unterdrückungsverhältnisse durch Politik, Kirche oder andere Machtstrukturen aufzubrechen. Mit viel Humor und Satire auf Kosten der Unterdrücker sehen wir das auch heutzutage noch immer bei vielen Karnevalsumzügen. Der Sinn ist aber immer dann verfehlt, wenn der Humor auf Kosten von marginalisierten Gruppen geht. Wer sich jetzt unsicher ist, ob die diesjährig ausgewählte Verkleidung unangebracht sein könnte, der sollte sich sicherheitshalber eine neue zulegen. Prinzessin und Prinz, Frosch oder eben Harry Potter können doch auch ganz schön sein.

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